Die Könnensgesellschaft

Mit guter Arbeit aus der Krise

Christine Ax

Kurzübersicht

Mit guter Arbeit aus der Krise
ISBN: 978-3-938807-96-5
Einband: Broschur, Seiten 276, Format A5, Gewicht 0.5 kg
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Die Könnensgesellschaft

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Details

Christine Ax

Die Könnensgesellschaft

Mit guter Arbeit aus der Krise


276 Seiten, DIN A5, Französische Broschur, Preis: 29,50 Euro, ISBN 978-3-938807-96-5. Rhombos-Verlag, Berlin 2009

 

Zum Buch:

Was geschieht, wenn Menschen immer weniger selber können (dürfen) und gleichzeitig immer mehr konsumieren müssen? Wie können wir Zukunft gestalten, wenn Wirtschaftswachstum zu einem Zwang wird, der Lebensgrundlagen zerstört, um Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen – auch wenn diese Arbeit und ihre Ergebnisse miserabel sind. Wie finden wir aus dem Dilemma altindustrieller Ökonomien heraus? Welche Art von Arbeit und Wirtschaft ist zukunftsfähig und ermöglicht allen ein gutes Leben und eine faire Teilhabe am großen kulturellen Reichtum Europas? Die Wissensgesellschaft hat keine Antworten auf diese Fragen. Die Könnensgesellschaft wohl.

 

Die Autorin:

Als Mitinhaberin von fx – Institut für zukunftsfähiges Wirtschaften  setzt sich die Autorin seit Mitte der 90er Jahre beratend, forschend und publizierend mit der Zukunft des Wirtschaftens auseinander. Ihre Vorträge  und Veröffentlichungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz kreisen um Themen wie  Ökonomie der Nähe, Maßproduktion statt Massenproduktion, Wochenmarkt statt Weltmarkt sowie um die Bedeutung, die kleine und mittelständische Unternehmen und vor allem das Handwerk für eine nachhaltige Wirtschafts-  und Lebensweise  haben.  1997 erschien ihr viel beachtetes Buch „Das Handwerk der Zukunft. Leitbilder für Nachhaltiges Wirtschaften“.

In ihren Veröffentlichungen stellt Ax der hochspezialisierten, in Einzelschritte zerlegten, entfremdeten Arbeit in der Industrie eine Arbeit entgegen, die mehr auf praktischem Wissen und Erfahrung („Könnerschaft“) als auf abstraktem Wissen beruht. Eine solche Arbeit, so Ax, könne ihren Sinn auch in sich selbst finden und mache dadurch – im Gegensatz zum Job für den reinen Broterwerb – Selbstverwirklichung möglich. Im Handwerk könnten solche Formen der „guten Arbeit für gute Produkte“ noch am ehesten entwickelt werden. .
In den 90er Jahren war Christine Ax im Landesvorstand der Grünen und hat den Zukunftsrat Hamburg mitgegründet. Von 2001 bis 2003 war Christine Ax Mitglied des Aufsichtsrats von Greenpeace Deutschland.
 

(Foto: Jakob Menolfi /Josias Gasser Baumaterialien AG, Chur)

Kontakt zur Autorin: http://www.fhochx.de/

 

Rezensionen

Dr. Sabine Wilp, Handwerkskammer Hannover

Christine Ax, eine der profiliertesten Handwerksforscherinnen im deutschsprachigen Raum, hat ein neues Buch herausgebracht. „Die Könnensgesellschaft“ ist es überschrieben, ein Titel, den die Autorin ganz bewusst gewählt hat, um der immer wieder beschworenen wissensbasierten Gesellschaft ein starkes Signal entgegenzusetzen.
In ihrem Buch wendet sich Ax gegen die für die industrielle Produktionsweise so typische, in monotone Einzelschritte zerlegte, sinnentleerte Arbeit und setzt sich entschieden für eine neue Philosophie von Tätigsein ein, bei der Arbeit mehr ist als bloßer Broterwerb. Ihr geht es darum, eine Lanze zu brechen für eine Arbeit, die „gut“ ist und sich wirklich lohnt. Für eine Arbeit, die auf Könnerschaft beruht, auf praktischem Wissen und Erfahrung. Für eine postindustrielle, neoanaloge Form von Arbeit, die nicht entfremdet ist, sondern ihren Sinn in sich selbst findet und Selbstverwirklichung ermöglicht.
Am ehesten sieht Christine Ax diese Form der Arbeit noch im Handwerk verwirklicht. Das mag auf den ersten Blick wie ein Rückfall in vorindustrielle Zeiten und damit allen kritiklos Zukunftsgläubigen höchst verdächtig und höchst altmodisch erscheinen. Aber Ax macht auf überzeugende Weise deutlich, dass die Massenproduktion ein irrsinniges Wirtschaftsprinzip ist, weil ein hoher Prozentsatz der Produkte niemals einen Abnehmer findet und entsorgt werden muss, und dass das Credo vom Wirtschaftswachstum um jeden Preis zunehmend unsere Lebensgrundlagen zerstört.
Sie fordert stattdessen eine Ökonomie der Nähe und ein nachhaltiges Unternehmertum, das individuelle, maßgeschneiderte und regional verankerte Produkte auf den Markt bringt. Und sie führt eine Fülle von Beispielen als Beleg dafür an, dass eine solche Art des Wirtschaftens an vielen Stellen in Europa bereits erfolgreich umgesetzt wird. Für sie steht fest, dass es aus dem ökologischen und sozialen Dilemma, in dem wir uns heute befinden, nur einen Ausweg gibt: „gute Arbeit, gute Produkte und eine nachhaltige Wirtschaft von unten“.
„Die Könnensgesellschaft“ von Christine Ax ist ein kluges Buch, ein gut geschriebenes, für jeden verständliches Buch, ein radikales Buch mit einer deutlichen Vision, das viele Leserinnen und Leser finden sollte.

Prof. Franz Theo Gottwald
Vorstand der Schweißfurth-Stiftung München


"Herzlichen Dank für Ihr herausragendes Buch „Die Könnensgesellschaft“. Es ist Ihnen gelungen, sich historisch und in die Zukunft vorausschauend mit den grundlegenden Herausforderungen einer guten Arbeit umfassend auseinander zu setzen. .Die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Können ist wirklich zukunftsweisend."


Hans Holzinger in: PRO ZUKUNFT 2009/3

PRO ZUKUNFT wird von der Robert-Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen, Salzburg herausgegeben und versteht sich seit 1986 als „Navigator durch die aktuellen Zukunftspublikationen“. Jährlich werden ca. 50 Neuerscheinungen vorgestellt.

Von der Wissens- zur Könnensgesellschaft: Der Titel dieses Buches ist bewusst gewählt. Während alle von der Wissensgesellschaft reden, geht Christine Ax einen Schritt weiter. Sie hinterfragt die vorschnelle Euphorie über die neue wissensbasierte Gesellschaft und stellt dieser eine Gesellschaft der Fähigkeiten bzw. Befähigung – also die Könnensgesellschaft – entgegen. Dabei lehnt die Autorin selbstredend Wissen nicht ab, sondern geht über dieses hinaus: „Könnerschaft erwächst aus dem Handeln. Wissen ist ein Teil und Voraussetzung von Können. Können ist eine praktische Form des Wissens.“ (S. 34) Könnerschaft erfordere sehr viel Wissen, jedoch „ein an Erfahrung gesättigtes, auf Erfahrung beruhendes Wissen.“ (S. 35) Und anders als für Wissen gebe es für Können immer einen Beweis: „das Handeln“ (ebd)..

Ist das Prinzip Industrie am Ende und wer zahlt die Zeche der Krise?
„Rückwärtsgewandte Sozialromantik“ könnte man einwenden, war es doch gerade die industrielle Produktionsweise, die unseren materiellen Massenwohlstand ermöglicht hat. Ja, das stimmt. Doch die Autorin kritisiert auch diesen als entfremdend: „Eine Gesellschaft, die Menschen ´produziert´, die nichts mehr können (dürfen) außer konsumieren, fühlt sich ärmer als viele ´arme´ Gesellschaften.“ (S. 27f) So sieht Ax in einem postindustriellen (und postfossilen) Wirtschaften auch die attraktivste und obendrein einzig nachhaltige Zukunftsstrategie. „Das Prinzip Industrie ist am Ende“ meint sie pointiert (S. 109). Dass wir heute an die Grenzen des Wachstums stoßen, sei „so gesehen das Beste, was uns widerfahren kann. Die Krise ist die Chance.“ (S. 24) Ax lässt es dabei nicht mit Appellen etwa an Konsumverzicht bewenden, sondern sie fordert politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die einen Weg in nicht entfremdende Arbeit ermöglichen..
 
Resümee: Ein radikales, wichtiges Buch
Ein „anderes Produzieren“ unserer Güter und eine andere „Kultur ihres Gebrauchs“ greift demnach viel weiter als die gegenwärtig praktizierten „Konjunkturbelebungspakete“, die auf noch mehr Globalisierung, Mengenwachstum und Exportorientierung setzen, ohne die destruktiven Tendenzen des von Großkapital und Großunternehmen getriebenen Systems zu hinterfragen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ax ist für Unternehmertum, aber für eines, das für die lokalen Bedürfnisse produziert und sinnvolle Arbeit ermöglicht. Aus dem ökologischen und sozialen Dilemma gibt es ihrer Meinung nur einen Ausweg „gute Arbeit, gute Produkte und eine nachhaltige Wirtschaft von unten“ (S. 259). Ein Ziel, für dass es sich allemal lohnt, gemeinsam zu arbeiten!
 

brand eins

(Heft 09 September 2009 S. 122-123): "Zur Belohnung unbezahlt" (Ralf Grötker)
'Ist es also die Erwerbsarbeit, die Grundlage der Industriegesellschaft, zum sinnlosen Broterwerb verkommen? Und das Ehrenamt das Ideal einer Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst trägt? Ein paar Indizien sprechen dafür. Denn für das Ehrenamt (in der geläufigen Definition: freiwillige und unentgeltliche Arbeit zugunsten Dritter, die im organisierten Rahmen stattfindet) ist charakteristisch, dass es sich weitgehend mit dem deckt, was man "gute Arbeit" nennen könnte: "Arbeit in Freiheit und Selbstbestimmung. Arbeit an der eigenen Vollkommenheit und dem Können. Handeln in Harmonie mit ethischen Prinzipien. Dauerhaftigkeit und Wertigkeit der Arbeit und des Werkes", so fasst es die Hamburger Sozialwissenschaftlerin Christine Ax zusammen, die sich als Autorin und Beraterin am Berliner Institut für zukunftsfähiges Wirtschaften ausgiebig mit Netzwerken regionaler Ökonomie befasst hat (siehe brand eins 09/2006: "Jenseits des Tellerrands"). Ax hat der Idee der "guten Arbeit" ein dieser Tage erschienenes Buch gewidmet. "Die Könnensgesellschaft" lautet der Titel, und darin ist viel von "Slow Work" und dem zu Unrecht schlechten Stand handwerklicher Arbeit in der Wissensgesellschaft die Rede. "Es kann heute nicht mehr darum gehen, Arbeit überflüssig zu machen und zu rationalisieren", schreibt Ax. "Das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen einen Übergang in eine Wirtschaft, die es möglichst vielen Menschen erlaubt, Arbeit unter den Bedingungen der Freiheit zu leben."

 

Zeitschrift innovative, Nordelbisches Frauenwerk:

Mit guter Arbeit aus der Krise

Die Philosophin und Ökonomin Christine Ax lädt in "Die Könnensgesellschaft" die Leserin ein, zusammen mit Hannah Arendt, Oskar Wilde und Anderen "Arbeit zu denken" und ein Bild von "guter" Arbeit zu finden. Sie wirft einen kritischen Blick auf unsere Arbeitswelt inmitten einer "Wissensgesellschaft" und grenzt "Wissen" als rein kognitive Fähigkeit zum "Können" als angewandtes Wissen ab. Folgerichtig fordert sie eine ganzheitliche Bildung, in der Kinder sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit entwickeln können.

Ausgehend vom Modell des Handwerks,  zeichnet Christine Ax das visionäre Bild einer Arbeitswelt, in der das Können von Menschen sich entfalten kann und auch angemessen entlohnt wird. Als Möglichkeiten, diese Vision zu verwirklichen, beschreibt sie u.a. die Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen. Christine Ax unterlegt ihre Ausführungen mit einem fachkundigen Gang durch die Geschichte von Arbeit, Kunst, Handwerk und Industrie und stellt beispielhafte Modelle aus Vergangenheit und Gegenwart vor. So entführt sie die interessierte und stellenweise faszinierte Leserin in das Land Edo vor vielen, vielen Jahren und in die Welt des vielfältigen Handwerks im Mittelalter ebenso wie in eine österreichische Talschaft im Jahre 2010.

Das Buch ist verständlich und lebendig geschrieben, eine übersichtliche Gliederung erleichtert gezieltes Nachlesen. Spaß machen scharf formulierte Zwischenüberschriften, wie "Aus dem Homo Faber wird der Animal Laborans". "Die Könnensgesellschaft" ist kein explizit feministisches Buch. Aber wenn Christine Ax beispielsweise "ein Wachstum, der Menschen überflüssig macht" kritisiert oder auf die "Achtsamkeit in alltäglichen Dingen" hinweist, lässt sich erahnen, dass die Werte weiblicher Lebenswelten auch die Grundpfeiler einer "Könnensgesellschaft" sein können.

Mein Fazit: Ein interessanter Schmöker, mit der Verführung zum Weiterdenken.
(Julia Patzke, Nordelbisches Frauenwerk)

 

Richard Häusler: stratum® GmbH

Nicht Handwerk, nicht Kunst, sondern - Kunsthandwerk. Christine Ax handelt ein wichtiges Thema gefällig ab

Christine Ax beschäftigt sich schon seit längerem mit dem Handwerk, aus philosophischer Sicht. Deshalb spielen philosophisch-historische Unterscheidungen in ihrem Buch eine große Rolle und sie zeigt uns mit zahlreichen Zitaten, wie belesen sie auf diesem Gebiet ist. Unter anderem unterscheidet sie Handwerk, Kunst und Kunsthandwerk bei ihrem Versuch, uns eine neue, eine nachhaltige Form des Wirtschaftens aufzuzeigen. Denn es gab eine Zeit, da war Handwerk die Basis unserer Kultur. Handwerk war damals nicht nur praktische Lebensgrundlage, sondern auch nötig, um Macht- und Prachtentfaltung zu ermöglichen. „Handwerk bedeutete Wissen und Können und verfügte damit über Macht."

In unserer Wissensgesellschaft ist das völlig anders. Das Können ist entwertet und nur noch das Wissen zählt. Im Laufe dieser Entwicklung hat sich auch die Kunst vom Handwerk losgelöst. Während noch bis ins 19. Jahrhundert „Kunst das Beherrschen gewisser Techniken, das Kunstkönnen, zur Voraussetzung“ hatte, haben sich heute Handwerk und Kunst völlig auseinander gelebt. Stattdessen gibt es auf der einen Seite ein Kunsthandwerk, das mit „Folklore, Makramee, ‚Dritte-Welt-Volkskunst’ und Handgestricktem“ assoziiert wird. Kunsthandwerk mag gefällig sein, aber es ist nutzlos und erhöht die Menge an sinnlosem Ramsch, der in der Welt kursiert.

Auf der anderen Seite beobachten wir den Siegeszug des Designs, der dazu beiträgt, dass unsere Welt immer weniger nachhaltig ist. Christine Ax hat dazu eine klare Einstellung: „Selbst wenn die Designprofessoren gerne auf so revolutionäre Produktdesign-Ansätze verweisen, wie sie William McDo­nough und Michael Braungart mit ihrem ‚Cradle-to-Cradle’ repräsentieren, ändert dies nichts daran, dass Design seit Mitte der 60er Jahre zu einer gesellschaftlichen Praxis geworden ist, die wie keine andere die Verschwendung von Ressourcen anheizt.“

Die Schattenseite der Wissensgesellschaft

Der Buchtitel „Die Könnensgesellschaft“ drückt aus, was Christine Ax uns als Lösung anbieten möchte: eine Kritik an der Wissensgesellschaft und ein Gegenbild dazu, das uns aus „der Krise“ helfen soll. Die Krise, das ist für Christine Ax die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, deren tiefere Ursachen sie im „Prinzip Industrie“ entdeckt, dessen Ende freilich gekommen sei. Das industrielle Wirtschaftsprinzip dominiert nach Ansicht der Autorin nämlich völlig ungerechtfertigt unsere Weltsicht: „Die hohe Aufmerksamkeit, die z.B. Automobilkonzerne in Politik und Medien erhalten, beruht auf einem Wirtschaftsverständnis, das schon immer nur einen Teil der Realität widergespiegelt hat.“ Die Dominanz des industriellen Blicks auf die Wirtschaft geht parallel mit der Durchsetzung der Wissensgesellschaft gegenüber der Könnensgesellschaft. Für Christine Ax drückt sich im Begriff der Wissensgesellschaft eine Überwertung des Wissens aus, die den Zweck hat, Eliten zu rechtfertigen und den Preis für „ungeliebte“ Arbeit niedrig zu halten: „Eine abwertende Haltung gegenüber dem praktischen Können, soweit es die Welt der ökonomischen Notwendigkeit betraf, hatte für die Eliten den Vorteil, dass der Preis der Arbeit und der Preis der Menschen, die die ungeliebte Arbeit verrichten mussten, in Grenzen gehalten werden konnte.“ Das sei schon in der Antike und in feudalistischen Zeitaltern so gewesen und auch heute der ausschlaggebende Faktor einer ausbeuterischen Wirtschaftsstruktur. Eloquent, aber dennoch sehr holzschnittartig breitet die Autorin diese These vor uns aus.

Dumm, wer ins Handwerk geht?

Wäre Christine Ax den Schattenseiten der Wissensgesellschaft differenzierter und detailgenauer auf den Grund gegangen, würden die Leser dieses Buch klüger aus der Hand legen. Würde sie beispielsweise wirklich der Frage nachgehen, warum und ob das so sein muss, dass die Einkommensunterschiede zwischen „Kopf“- und „Handarbeitern“ so groß sind, und würde sie mit handwerklicher Genauigkeit und Gründlichkeit dabei vorgehen, um uns am Ende vielleicht davon zu überzeugen, wie es anders werden kann – wir hätten sie nicht nur als Handwerkerin, sondern vielleicht sogar als Künstlerin angesehen. So aber liefert sie gefälliges, eloquentes Kunsthandwerk ab und bedient mit ihren schnellen und pauschalen Erklärungen und gesellschaftspolitischen Urteilen nur eine bestimmte ökoromantisch-neolinke Klientel.

Viel interessanter wäre doch z.B. die Frage, warum unser Bildungssystem es nicht für nötig hält, den künftigen Eliten, die in unseren Gymnasien heran gezogen werden, neben der theoretischen Bildung auch das Erlernen eines Handwerks abzuverlangen. Dies wäre aus lernpsychologischer Sicht eine immense Verbesserung des Schulsystems und würde so manchem jungen Menschen die Chance eröffnen, eine bessere Berufswahl zu treffen. Und würde im Übrigen sehr viel mehr als die pauschale und wohlbekannte Systemkritik, die Christine Ax uns vorlegt, etwas daran ändern können, dass „150 Jahre Industriegeschichte den Eindruck in den Köpfen der Menschen hinterlassen (haben), dass der dumm ist, der ins Handwerk geht.“ Was uns genauso wie Christine Ax wirklich stört.

Warnung vor Stefan Raab

Um zu erklären, warum der industriell geprägte Lebensstil trotz seiner angeblich so ruinösen Auswirkungen – auf die Umwelt ebenso wie auf die menschliche Kompetenzentwicklung und unser Lebensglück – für den größten Teil der Menschheit doch höchst attraktiv zu sein scheint, bedient sich die Philosophin und Ökonomin Ax eines allzu einfachen Arguments. Es sei die Verführungskraft der Medien, die den Konsumismus bis in den letzten Winkel der Erde transportierten. Der Mensch erscheint als das Opfer einer gigantischen Traummaschinerie: „Warum“, so fragt die Autorin, „sollten angesichts der Traumbilder, die die Werbemacher, die Film- und Fernsehwelten für alle Welt erzeugen, irgendjemand auf der Welt Rücksicht auf die Umwelt nehmen?“ Bei ihrer pauschalen Medienschelte spielt es anscheinend keine Rolle, dass wir es den Medien eben auch verdanken, dass uns die Bedrohungen für die Umwelt und das Leiden der Menschen im globalen Maßstab vor die Augen und ins Bewusstsein gebracht werden. Lieber bemüht Christine Ax einen fast schon fundamentalistisch anmutenden Kulturpessimismus und beklagt „Deutschlands Absturz in eine „entpolitisierte, bildungsfeindliche Spaß-, Trash-, Mobbing- und Pornokultur“. Protagonisten dieses Absturzes seien „Dieter Bohlen, Mario Barth, Stefan Raab, Harald Schmidt u.a.“, die Ax als „Teil einer organisierten Verantwortungslosigkeit“ enttarnt.

Christine Ax schließt ihr Buch jedoch nicht ohne eine positive Perspektive. Als quasi naturgegebenes Gegenmodell gegen das kapitalistische Industriesystem erscheint ihr das Konstrukt „Europa“. Die „DNA“ und das „Goldene Vlies“ einer nachindustriellen Gesellschaft, die uns unabhängig von Konsum und Erwerbsarbeit macht, lägen in einem „von Natur aus gesegneten“ Europa, das sich nur auf „seine Wurzeln und seine Herkunft besinnen“ müsse, um die Geschicke zu wenden. Dummerweise sind es derzeit vor allem Stefan Raab und Lena, die den Menschen ein Gefühl für Europa, seine kulturelle Vielfalt und seine Werte geben. Vielleicht sollte Christine Ax doch noch einmal genauer hinschauen…

 

 

erschienen in: Hephaistos 9/10 2010

Fasst man die Thesenstränge dieses klugen Buches überspitzt in einem Satz zusammen, dann lautet er wie folgt: Schicksal und Zukunft der Menschheit liegen in den Händen der Handwerker - eben der »Könner«. Seit 20 Jahren befasst sich die Philosophin und Ökonomin Christine Ax mit dem Handwerk, unter anderem leitete sie Anfang der 1990er Jahre die Zukunftswerkstatt der Handwerkskammer Hamburg. In Veröffentlichungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie ihren Vorträgen - zuletzt auf der Schmiedebiennale in Kolbermoor - wird sie nicht müde, die Bedeutung zu unterstreichen, die kleinen und mittelständischen Unternehmen und vor allem dem Handwerk für künftige Wirtschafts- und Lebensweisen zukommt. Den vielfach strapazierten Begriff der Nachhaltigkeit untermauert die Autorin mit neuen, teils sehr streitbaren Denkansätzen. Das macht ihr jüngstes Buch »Die Könnensgesellschaft« zu einem beachtenswerten Leitfaden für Arbeitswelt und Handlungsweisen von Handwerkern, die sich für künftige Aufgaben wappnen wollen. Ax ist bestrebt, der Arbeit des Menschen ihren angemessenen Wert zurückzugeben. Nicht die forcierte Massenproduktion oder die idealisierte Wissensgesellschaft sind nach ihrer Meinung Auswege aus den vielen Facetten der globalen Krise, die sie die »Wachstumsfalle« nennt, sondern die Rückbesinnung auf regionale Märkte, Prinzipien des Tauschhandels und eine selbstbestimmte Arbeit in Verhältnissen der Freiheit.
Der gegenwärtige Alltag im Handwerk, das gibt die Autorin zu, hat sich nach wie vor gegen das »Prinzip des mühelosen Überflusses« in der Wegwerfgesellschaft zu behaupten. Doch wer im eigenen Betrieb die »Entwertungsspirale entschleunigen und in einen Aufwertungsschub verwandeln« möchte, wer daran interessiert ist, mit einem »Tritt auf die Notbremse« die weltweite wie die eigene betriebswirtschaftliche »Katastrophe« abzuwenden, der kommt an dem zukunftsweisenden Buch kaum vorbei.

 

Rezension von: Franz Kaiser, Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn
erschienen am: 24.05.2011

"Shareholder value ist kein zukunftsfähiges Prinzip; sozialökologisch verantwortliches Unternehmertum wohl" (S. 259).

Bei der Publikation von Christine AX, die sich seit Jahren mit nachhaltiger Wirtschaft und insbesondere Stärken des Handwerks befasst, handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Publikation, sondern eher um ein wirtschafts-, sozial- und gesellschaftspolitisches Statement als Gegenentwurf zu den Anforderungen der "Wissensgesellschaft". Mit dem einleitenden Zitat ist die Basis der Kritik gelegt. Es geht um Wertschätzung von verantwortlichem, unternehmerischem Handeln, gegenüber einer zerstörerischen Wirkung entfaltenden Ökonomie. Gleichwohl, oder gerade deswegen ergeben sich aus ihrer Publikation Konsequenzen für die wirtschafts- und noch mehr für die berufspädagogische Berufsbildung.

AX zeichnet, unter Rückgriff auf eine Vielzahl von praktischen Beispielen und philosophischen Vorläuferinnen und Vorläufern (ARISTOTELES, ARENDT, MARX, MORRIS und vor allem RUSKIN) den Wert praktischen Tuns und zugleich die systematische Entwertung des durch Erfahrung generierten Wissens auf. Der angeblichen Überlegenheit akademischen Wissens fehlt aus ihrer Sicht der Beweis, der sich im Handeln findet. Dennoch wird es höher geschätzt, gelingt auf dessen Basis schneller die Partizipation an gesellschaftlicher Macht und die Bestimmung der Begriffe und behauptet es fortwährend seine Überlegenheit: "Könnerschaft erfordert immer sehr viel Wissen - ein, an Erfahrung gesättigtes, auf Erfahrung beruhendes Wissen. Dies gilt für alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche und für alle Berufe. Kaum ein Wissenschaftler kann sich beispielsweise vorstellen, wie viel Wissen und Können ein 'einfacher' Installateur oder Maßschuhmacher erwerben muss, um nur einen Gesellenbrief zu erhalten." (35) Die Abwertung des Könnens gegenüber dem Wissen dient der Rechtfertigung der Niedrigentlohnung gekonnter, praktischer Arbeit und festigt tradierte Herrschaftsstrukturen. Damit findet aber nicht nur Entwertung handwerklicher Arbeit statt, sondern zugleich eine Umorientierung von Wirtschaft, die nicht mehr mit nachhaltigen Produkten und sinnvoller Arbeit gesellschaftlichem Reichtum (im Sinne RUSKINs Gebrauchswert (69 ff) dient, sondern mit Investitionen in Vermarktung, Design und Vertrieb gesellschaftlich nutzlose Konsumentensteuerung betreibt und beschleunigter Kapitalverwertung dient.


Auch die, auf umfangreichen Datensammlungsmöglichkeiten aufbauenden Qualitätssicherungstendenzen betrachtet sie als menschenunwürdige Standardisierung, die nichts anderes enthält, als den Einzug industrieller Gleichmacherei in zuvor individualisierte Prozesse zwischenmenschlicher Begegnung. Demgegenüber sind Qualitätskriterien, die sich aus den Sinnen ergeben, wieder ernst zu nehmen, wie man sie in der Slow-Food-Bewegung etc. wiederfindet (222 ff.) und die sich, wenn sie ernst genommen werden, auch in neuen Qualitätsfeststellungsverfahren bspw. in der Altenpflege wiederfinden können (http://www.stmas.bayern.de/pflege/pruefung/pruefleitfaden.pdf).

Auch wenn man bei AX Ansätze zur Verklärung handwerklichen Tuns und handwerklicher Ethik, wie sie einem bei Richard SENNETs "Handwerk" begegnen, finden kann, so greift sie doch in einer aktuellen Weise die Kritik an unserem Wirtschaftssystem auf. Sie greift auf das Konstrukt des Bruttosozialglücks als neue, ökonomische Orientierungsformel zurück (104) und bietet damit, gerade auf für die wirtschaftspädagogischen Paradigmen, Diskussionspunkte. Dabei schwebt ihr ein Modell vor, das Kunst wieder in den Alltag zurückkehren lässt, nicht in Form folkloristischer Tänze und Webereien, sondern in Einzelanfertigung praktischen Schuhwerks, das der eigenen Gesunderhaltung des Trägers ebenso dient, wie der Stiftung sinnvoller Arbeit jenseits industriell gefertigter Verbundstoff-Wegwerfware für die Schuhmacher/-innen. Damit wird die Arbeit wieder zu einem sinnstiftenden Tun, jenseits der Erwerbsfunktion, gewinnt berufliche Professionalität und Identifikation in einem regionalen bürgerschaftlichen Kontext wieder Sinn und trägt sich durch die Partizipation an einem sinnstiftenden Werk.

Dass dies an politische Voraussetzungen gebunden ist, lässt sie trotz aller Verkürzungen und leider zum Teil recht plakativer Überschriften, nicht außer acht: "Für alle Transformationsszenarien bleibt die Zukunft der Arbeit der Dreh- und Angelpunkt. Jeder Versuch, Lebensqualität neu zu definieren, muss scheitern, solange die Frage nach der Verteilung von Arbeit und Einkommen nicht demokratisch gelöst worden ist. " (110)

Auch wenn AX - unverständlicher Weise, da sie scharfe Kritik am allgemeinbildenden Schulsystem mit Rückgriff auf Peter Strucks 15 Gebote des Lernens (http://www.schullandheim.de/dokumente/slh_struck.pdf) übt - nicht auf die Berufsbildung eingeht, unterstützt sie den ganzheitlichen, handlungs- und prozessorientierten Ansatz der Berufsbildung. Sie verdeutlicht, dass es bei der Erziehung zu nachhaltiger, sozialpolitisch verantwortbarer Wirtschaft um mehr gehen muss, als um die Sicherstellung der Beschäftigungsfähigkeit.

"Das Abspeichern und Reproduzieren von 'Informationen' und formalen Prinzipien reicht nicht einmal für den sinnvollen Umgang mit technischen Disziplinen oder Naturwissenschaften. 'Employability' als Bildungsziel reduziert den Menschen auf die Fähigkeiten, die von der Wirtschaft benötigt werden." (255) Gerade hier wäre ein guter Anknüpfungspunkt für die Diskussionen, die bereits in unserer Disziplin zur Nachhaltigkeit in der Berufsbildung geführt wurden, die sie leider nicht kennt und wahrnimmt.

Dennoch scheint mir "Die Könnensgesellschaft" eine gute Anregung für die Diskussionen, um unsere Orientierungspunkte für die Berufsbildung, die wir vor dem Hintergrund unserer Eigenverantwortung für die Zukunft führen sollten, um immer wieder zu fragen: "Was sollte für die Erlangung beruflicher Handlungsfähigkeit gelernt und gekonnt werden?"

 

Inhalt

Persönliche Anmerkungen – ein Vorwort     11
EDO oder die Grenze als Chance     17
Peak Oil – von Edo lernen     21
Was ist Wissen, was ist Können?    25
Wie wir Können lernen     26
Warum Könner nicht lieb und zu teuer sind    28
Der New Deal – das Können der Vielen nutzen    30
Können ist praktisches Wissen     33
Warum praktisches Handeln abgewertet wird    36
Könnerschaft hat viele Namen    39
Könnerschaft: Unser wichtigstes Vermögen    42
Von der Informationsflut zu einem Wissen, das Sinn macht     43
Gewissheit und Wahrheit machen Wissen anwendbar    45
Über den Wert von Wissen entscheidet der Kontext    46
Wissen, das die Mehrheit ausschließt    47
Wissen mit Können zu verwechseln, ist riskant    49
Können ist nicht digitalisierbar    53
Anpassung an wachsendes Wissen oder wahre Bildung    54
Gute Bildung ist persönlichkeitsbildend    56
Lernen mit allen Sinnen schafft Könner    57
Ganzheitliches Lernen bringt bessere Ergebnisse     59
Durch Scheitern zur Könnerschaft    61

Eine kleine Geschichte der Arbeit     63
Antike: Arbeit zwischen Freiheit und Notwendigkeit     63
Mittelalter: Blühendes Europa dank der Vielfalt
der Künste     67
Arbeit denken    69
John Ruskin konzipiert die Postmoderne     69
William Morris‘ postindustrielle Vision     78
Oskar Wilde: Die Sklaverei des Geldes und
das Glück der Kreativität     80
Hannah Ahrendt: Arbeit als Quelle von
Glück und Selbstbestimmung     85
Arbeit als Weg – Spiritualität und Arbeit     91
Arbeitsethos im Handwerk     100
Gute Arbeit: mit Geld nicht zu bezahlen    103
Neue Wege zum 'Bruttosozialglück'    104
Arbeit 2.0 – Auf der Suche nach
neuen Arbeitskonzepten     107

Das Prinzip Industrie ist am Ende     109
Die Industrie: 'fleißiger' als die menschliche
Natur erlaubt    118
Massenproduktion – ein irrsinniges Wirtschaftsprinzip    124
Der Wert der Dinge jenseits der Ökonomie    135
Was Dinge einzigartig und wertvoll macht    140

Vom Kunstkönnen und Kunstwollen    145
Kunst zwischen Technik und Inspiration    149
Mittelalter: Kunst im Schatten der Zünfte    151
Renaissance: Der Künstler als gottähnliches Genie    154
Aufklärung: Kunst ist machbar     155

Design als Motor von Verschwendung    159
Ästhetische Überhöhung der industriellen Produktion    160
Das Ornament – ein Verbrechen gegen
den ökonomischen Verstand    162
Bauhaus: Kurzer Flirt zwischen Handwerk und Kunst    164

Zum 'Styling' verkommen: Design     166
Neoanalog – Digitalisierung von Handwerkskunst    168
Kunst – Hand – Werk     174
Vorgegaukelte Werte    175

Die Ursachen der Krise     179
Mythos Vollbeschäftigung     180
Absturz in die Spaß-, Trash- und Mobbingkultur     185
Anonymes Kapital kennt keine Verantwortung    189
Strukturell gefährdet: Handwerk und Mittelstand     193
Soziale Ungleichheit gefährdet den Frieden     200
Die Innere Kündigung     204

Wege aus der Krise    207
Arbeit unter den Bedingungen der Freiheit    209
Die solaren Ufer erreichen     216
Reichtum Region    217
Wirtschaft von unten     220
Slow work: Achtsamkeit in alltäglichen Dingen     222
Zukunft ist machbar    227
Ökonomie der Nähe     229
Was wir von Talschaften lernen können    235
Handwerker – Künstler – Unternehmer    237
Schlussbetrachtung     253

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