Rhombos Online-Nachrichten (RON) - ISSN 1866-9735
Energieforschung

Biogas-Experte drängt auf Entwicklung von technischen Sicherheitssystemen

Niedersächsischer Arbeitskreis für Technik und Betrieb von Biogasanlagen beschäftigt sich mit Konsequenzen aus tödlichem Unfall bei Zeven


Göttingen/Hildesheim. Der Leiter des  Arbeitskreises "Technik und Betrieb von Biogasanlagen" im niedersächsischen Biogasforum, Prof. Dr. Michael Nelles, drängt im Zusammenhang mit dem tragischen Unfall in der Biogas-Anlage in Rhadereistedt bei Zeven auf die Entwicklung von technischen Sichheitssystemen. Eine defekte Klappe über der Vorgrube einer Biogasanlage war letztlich Ursache für den tragischen Unfall, der am 8. November in Rhadereistedt bei Zeven vier Menschen das Leben gekostet hat. Zwar handele es sich bei der chemischen Reaktion bei gleichzeitig offener Klappe um eine außergewöhnlich unglückliche Verkettung von Umständen. Ohne technische Maßnahmen sei eine Wiederholung in Anlagen dieses Typs jedoch nicht auszuschließen. Nelles zufolge ist es deshalb notwendig, für Anlagen, die zur Verwertung tierischer Abfälle zugelassen sind, neue, steuerungstechnische Lösungen der Vorgrubentechnik zu entwickeln. Die Gaswarnanlagen, die das Niedersächsische Umweltministerium in das Gespräch gebracht hat, seien für solche Fälle wenig hilfreich. Entwarnung gibt der Experte aber für die rund 400 Anlagen, die ausschließlich nachwachsende pflanzliche Rohstoffe verwerten.
 
NellesProf. Dr. Michael Nelles
HAWK

Prof. Nelles kündigte an, mit dem Arbeitskreis ?Technik und Betrieb von Biogasanlagen? entsprechende technische Schutzmaßnahmen zu entwickeln und den Genehmigungsbehörden vorzuschlagen. So sei eine veränderte Steuerungstechnik besonders für die landesweit rund 40 Abfall verwertenden Anlagen sinnvoll, um zu verhindern, daß diese bei offener Abdeckklappe über der Vorgrube befüllt werden. Gaswarngeräte, die das niedersächsische Umweltministerium bereits kurz nach dem Unfall in Erwägung gezogen hat, sind laut Prof. Nelles nur bei langsam steigender Konzentration von Gasen hilfreich. Im vorliegenden Fall hatten laut Polizeibericht die Opfer jedoch keine Chance zur Flucht, da das Gas rasch freigesetzt worden sei. Prof. Nelles empfiehlt daher, daß die Sicherheitstechnik für Biogasanlagen angepaßt wird, in denen solche Abfälle behandelt werden. Außerdem hält Nelles es für erforderlich, daß die Mitarbeiter solcher Anlagen in regelmäßigen Schulungen verstärkt auf mögliche Gefahren aufmerksam gemacht werden.

Wie aus dem Bericht der Polizeiinspektion Rotenburg hervorgeht, hatte eine ?Verkettung chemischer Reaktionen, deren Wirkung sich aufgrund eines Defektes im Annahmebereich der Biogasanlage entfalten konnte?, in der Anlieferungshalle eine tödliche Schwefelwasserstoff-Wolke freigesetzt. Molkerei- und tierische Abfallprodukte mit niedrigem pH-Wert vom Vortag vermischten sich an jenem Morgen in Rhadereistedt mit alkalischen, 60 Grad warmen und stark sulfidhaltigen tierischen Abfallprodukten aus einem Tanklastzug, der über Nacht auf dem Gelände gewartet hatte. Die Reaktion des regelmäßig angelieferten ?Schweinedünndarmschleimes?, ein Reststoff aus der Gewinnung des Blutgerinnungshemmers Heparin in einer niederländischen Pharmaproduktion, mit den vorhandenen sauren Resten vom Vortag führte zur Bildung des konzentrierten und hoch giftigen Schwefelwasserstoffes (H2S). Dieser konnte sich in der Anlieferungshalle ausbreiten, weil eine große Klappe über der Anlieferungs- beziehungsweise Vorgrube wegen eines defekten Elektromotors offen stand. Drei Mitarbeiter der Biogasanlage und ein niederländischer Lkw-Fahrer starben, ein weiterer Schwerverletzter ist nach mehreren Tagen im Koma inzwischen wieder ansprechbar.

Nelles zufolge handelt es sich bei der Biogasanlage in Rhadereistedt  um eine Abfall verwertende Anlage, die auch tierische Abfälle verwerten darf. Demgegenüber würden die meisten der rund 400 Biogasanlagen in Niedersachsen nur nachwachsende pflanzliche Rohstoffe verarbeiten. In derartigen Anlagen sei  bisher weder ein solcher Unfall aufgetreten noch zu befürchten. Dennoch empfiehlt der Experte, diese Anlagen auf mögliche Gefahren zu überprüfen.

Die Situation in Biogasanlagen, die ausschließlich pflanzliche Grundstoffe wie zum Beispiel Mais sowie Gülle verwerten, beurteilt Nelles so: ?In sachgerecht mit nachwachsenden Rohstoffen betriebenen Anlagen kann solch ein Unfall so nicht geschehen.? Selbst die oft befürchteten Geruchsbelästigungen im Umfeld von Biogasanlagen gäbe es bei vorschriftsmäßig errichteten Anlagen nicht. Prof. Nelles unterstützt daher auch weiterhin den Ausbau der Anlagen auf Basis nachwachsender Rohstoffe: ?Richtig eingesetzt, ist Biogas eine umwelt- und besonders auch klimaverträgliche Energie ohne hohe Risiken.? Nelles hofft, daß sich die Zahl von bundesweit rund 3.500 Biogasanlagen bis 2010 auf rund 10.000 erhöhen wird.

Kontakt: Prof. Dr. Michael Nelles, HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, FH Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fakultät Ressourcenmanagement, Fachgebiet Technischer Umweltschutz, Rudolf-Diesel-Staße 12, D-37075 Göttingen, Tel. 0551.30738-11, eMail: michael.nelles@hawk-hhg.de, Internet: www.hawk-hhg.de/hawk/index.php, http://www.hawk-hhg.de/hawk/fk_ressourcen/124518.php.
Biogasforum am Niedersächsischen Ministerium für den ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Calenberger Straße 2, D-30169 Hannover, Tel. 0511.120-2230, Fax -120-23 85, Internet: www.ml.niedersachsen.de
Fachinformationsstelle Bioenergie Niedersachsen (BEN), eMail: info@ben-online.de, Internet: www.ben-online.de.

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