Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
14.12.2011
Kategorie: Life Sciences

Weiche Betten in der Steinzeit

77.000 Jahre alte Schlafmatten entdeckt

Tübingen, 08.12.2011 Bereits vor 77.000 Jahren stellten Menschen aus Blättern, Gräsern und  Schilf Schlafmatten her. Dazu verwendeten sie auch Pflanzen, deren ätherische Öle Insekten fernhielten. Die fossilisierten Matten wurden von einem internationalen Forscherteam bei Ausgrabungen in Südafrika entdeckt. Ihren Fund beschreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science.

Im Höhlenboden des Sibudu-Felsunterstands in der Kwa-Zulu-Natal Provinz in Südafrika stieß ein internationales Archäologenteam nach eigenen Angaben auf mindestens 15 aufeinanderfolgende Schichten mit Pflanzenmatten. Diese sind zwischen ein und drei Quadratmeter groß und einige Zentimeter dick. Die Wissenschaftler datierten die Funde auf ein Alter zwischen 77.000 und 38.000 Jahren. Damit wären sie bis zu 55.000 Jahre älter als bisher bekannte Nachweise über Pflanzenmatratzen, die von Menschen hergestellt wurden.

Sibudu-Fundstelle

Blick auf die Fundstelle Sibudu  Foto: Lyn Wadley

 

Laut den Untersuchungen wurden für die Herstellung der Matten neben Schilf und Gräsern auch Blätter der Kap-Quitte verwendet. Die Blätter dieser Pflanze enthalten insektizide Chemikalien und sind somit geeignet, um zum Beispiel Mücken fern zu halten. „Die spezifische Auswahl dieser Blätter für die Konstruktion der Pflanzenlagen zeigt, dass die Bewohner über genaue Kenntnisse der Pflanzenwelt in ihrer Umgebung verfügten und auch deren medizinische Wirksamkeit kannten. Pflanzliche Heilkunde hat den Menschen gesundheitliche Vorteile verschafft.“ sagt Lyn Wadley, Grabungsleiterin, von der Universität Witwatersrand.
Die Forscher berichten von einer weiteren überraschenden Entdeckung: Mikroskopische Untersuchungen der Matten haben gezeigt, dass die Bewohner des Sibudu-Felsunterstandes die Pflanzenbetten nach dem Gebrauch regelmäßig verbrannten. „Sie haben die ausgedienten Aufbettungen absichtlich in Brand gesetzt, vermutlich um Schädlinge zu beseitigen. Dies hat den Fundplatz für spätere Nutzungen vorbereitet und stellt eine neuartige Verwendung von Feuer zur Pflege von Siedlungsplätzen dar.“, erklärt Christopher Miller von der Universität Tübingen.

Schilf-Spitze

73.000 Jahre alte Schilfspitze aus einem Pflanzenbett  Foto: Christine Sievers

 

Die Grabungen am Fels-Unterstand begannen 1998 und seitdem wurden bereits Feuerstellen, Aschegruben, Muschelschmuck und zugespitzte Knochen entdeckt. In den Schichten, die jünger als 58.000 Jahre sind, nimmt die Zahl der Funde nach Angaben der Wissenschaftler deutlich zu. Sie führen diesen Umstand auf eine stärkere Besiedlung der Region zurück, die mit einem demographischen Wandel innerhalb des afrikanischen Kontinents zusammenhängen könnte.
(mh)

Originalveröffentlichung: Wadley, L., Miller, C., Sievers, C. et al: Middle Stone Age Bedding Construction and Settlement Patterns at Sibudu, South Africa
Kontakt: Lyn Wadley , Mail: Lyn.Wadley@wits.ac.za, Wits Institute for Human Evolution, University of Witwatersrand, 2nd floor Van Riet Lowe Building, No 1 Yale Road, Br mfontein, Johannesburg, South Africa;
Internet: http://www.wits.ac.za/academic/research/ihe/7088/ihe_home.html
Christopher Miller, Mail: christopher.miller@uni-tuebingen.de, Institut für naturwissenschaftliche Archäologie, Universität Tübingen, Rümelinstr. 23, 72070 Tübingen; Internet: http://www.geo.uni-tuebingen.de/?id=249