Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
23.04.2016
Kategorie: Life Sciences

Nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom nutzt körpereigenen Schutzmechanismus für Embryonen

Schwangerschaftsprotein Glycodelin könnte als Marker für den Verlauf der Krebserkrankung dienen

Heidelberg. Bestimmte Lungentumore machen sich einen natürlichen Schutzmechanismus aus der Schwangerschaft zunutze. Wie Wissenschaftler der Sektion Translationale Forschung aus der Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg gezeigt haben, spielt das Schwangerschafts-Protein „Glycodelin“ eine wichtige Rolle in der Wechselwirkung zwischen einem bestimmten Lungentumor, dem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom, und dem Immunsystem. Bisher war lediglich bekannt, dass die Tumoren dieses Protein bilden, weitere Untersuchungen standen noch aus.

DZL-Wissenschaftler der Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg (DZL-Standort TLRC) konnten nun zeigen, dass sich das nichtkleinzellige Lungenkarzinom einen natürlichen Schutzmechanismus aus der Schwangerschaft zunutze macht: Zu Beginn der Schwangerschaft schützt das Protein Glycodelin den Embryo, den das Immunsystem der Mutter sonst als körperfremd attackieren würde, vor der Abstoßung. Das Nicht-kleinzellige Lungenkarzinom sowie seine Absiedlungen in anderen Organen schütten sowohl bei Frauen als auch bei Männern ebenfalls Glycodelin aus.
„Wir vermuten, dass die Krebszellen Glycodelin ausschütten, um Immunzellen in ihrer direkten Umgebung zu betäuben. Diese können so keine Abwehrreaktion einleiten", erklärt DZL-Forscher Dr. Michael Meister, Leiter der Sektion Translationale Forschung und Seniorautor der Publikation. Hinderten die Wissenschaftler die Tumorzellen im Labor daran, das Protein herzustellen, bildeten diese stattdessen andere Proteine, die das Immunsystem beeinflussen. Die Ergebnisse sind in der renommierten Fachzeitschrift „Clinical Cancer Research" erschienen.

Die Heidelberger Lungenspezialisten verglichen außerdem erstmals den Glycodelin-Spiegel in konservierten Blutproben von mehr als 25 Patienten mit deren Krankheitsverlauf. "Die Konzentration von Glycodelin im Blut korrelierte sehr gut mit dem Therapieansprechen oder dem Fortschreiten der Erkrankung", so Dr. Marc Schneider, Erstautor der Arbeit. Schlug eine Chemotherapie an oder wurde der Tumor entfernt, sank der Glycodelinspiegel. Wuchs der Tumor weiter oder bildeten sich im späteren Verlauf Absiedlungen, stieg die Konzentration an.
Da Glycodelin im Blut nachweisbar ist, gehen die Heidelberger Forscher davon aus, dass es sich als Biomarker für die Früherkennung und Verlaufskontrolle speziell beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom eignen könnte. Weitere, bereits angelaufene Studien untersuchen diesen Sachverhält näher. „Die Bedeutung des Immunsystems spielt in den letzten Jahren eine immer größere Rolle bei der Bekämpfung von Lungenkrebs. Man versucht herauszufinden, über welche Mechanismen die Tumorzellen das Immunsystem beeinflussen und ob man die Erkenntnisse daraus für Diagnostik und Therapie nutzen kann", so Meister.
(Quelle: PM Universitätsklinikum Heidelberg)

Publikationen:
Schneider MA, Granzow M, Warth A, Schnabel PA, Thomas M, Herth FJ, Dienemann, H, Muley T, Meister M. Glycodelin: A New Biomarker with Immunomodulatory Functions in Non-Small Cell Lung Cancer. Clin Cancer Res. 2015 Aug 1;21(15):3529-40. doi: 10.1158/1078-0432.CCR-14-2464. Epub 2015 Apr 2. Im Internet: http://clincancerres.aacrjournals.org/content/early/2015/04/21/1078-0432.CCR-14-2464.abstract
Marc A. Schneider, Nicolas C. Kahn, Michael Thomas, Felix J.F. Herth, Thomas Muley, Claus P. Heussel, Michael Meister and Hendrik Dienemann: The pregnancy associated protein glycodelin as a follow-up biomarker in a male Non-small cell lung Cancer patient, Cancer Treatment Communications, http://dx.doi.org/10.1016/j.ctrc.2015.09.005 unedited manuscript.
Sektion „Translationale Forschung" der Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg


Kontakt:
Dr. Michael Meister
Leiter der Sektion Translationale Forschung
Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg
Dr. rer. nat. Michael Meister
eMail: michael.meister@med.uni-heidelberg.de, Internet: http://www.thoraxklinik-heidelberg.de/index.php?id=50