Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
13.05.2016
Kategorie: Life Sciences

Nicht-allergene Substanzen verstärken Immunreaktion bei Heuschnupfen

Wissenschaftler untersuchten entzündungsfördernde, niedermolekulare Bestandteile von Pollen

München (10. Mai 2016). Nicht-allergene Bestandteile von Pollen, die beim Kontakt mit der Nasenschleimhaut freigesetzt werden, beeinflussen maßgeblich die Reaktion des Körpers. Dies ist das Ergebnis einer Pilotstudie, in der eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz-Zentrums München erstmals die Wirkung dieser Substanzen auf Allergiker untersucht hat. Nachdem sich die Forschung lange fast ausschließlich auf Allergene konzentriert hatte, legen die neuen Erkenntnisse nahe, die gängige Praxis bei der Behandlung von Allergien zu überdenken. Die Wissenschaftler veröffentlichten die Forschungsergebnisse in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Clinical and Experimental Allergy.
Im April und Mai machen Birkenpollen vielen Menschen mit Heuschnupfen das Leben schwer. Wichtigster Auslöser der Abwehrreaktion ist ein Protein namens Bet v 1, das Hauptallergen der Birke. Eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern um Professor Claudia Traidl-Hoffmann von der TUM hat jetzt untersucht, ob neben Allergenen auch andere Pollenbestandteile Allergien beeinflussen können. Die Wissenschaftler filterten Stoffwechselprodukte von Birkenpollen für eine Studie so, dass nur noch nicht-allergene niedermolekulare Substanzen in dem Extrakt enthalten waren, also Stoffe mit besonders kleinen Molekülen.
Für die Untersuchung haben die Forscher zum einen verschiedene Kombinationen aus Allergen und niedermolekularen Substanzen mit einem sogenannten Prick-Test auf der Haut von Pollen-Allergikern getestet. Hierbei wurden die jeweiligen Substanzen auf die Haut aufgebracht und dort mit speziellen Lanzetten eingeritzt. Zum anderen verabreichten sie den Testpersonen einige der Mischungen auch über die Nase.
Das Ergebnis war eindeutig: Sowohl beim Prick-Test als auch bei der Aufnahme über die Nase waren die Reaktionen deutlich stärker, wenn nicht nur das Allergen, sondern zusätzlich auch die niedermolekularen Substanzen verabreicht wurden. Wurden beide unter die Haut gepiekst, bildeten sich besonders starke Rötungen und Quaddeln. Über die Nase aufgenommen sorgte die Mischung für starke Schleimbildung und der Körper der Testpersonen bildete zahlreiche Antikörper. Bei Allergikern, an denen nur die niedermolekularen Substanzen getestet wurden, zeigte sich keine Wirkung.
Auffällig war dem Bericht zufolge, dass das Extrakt aus Birkenpollen nicht nur bei Testpersonen eine Reaktion auslöste, die empfindlich auf das Birken-Allergen reagieren. Die Wirkung zeigte sich auch bei Menschen, die gegen Gräserpollen allergisch waren und das entsprechende Allergen in Kombination mit dem Birkenpollen-Extrakt über die Nase verabreicht bekamen. Das lässt sich den Forschern zufolge dadurch erklären, dass viele der niedermolekularen Substanzen auch in anderen Pollen vorkommen. „Die entzündliche Wirkung der niedermolekularen Bestandteile ist ein unspezifischer Effekt, der nicht mit einem bestimmten Allergen zusammenhängt“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. „Wir vermuten, dass sich sogar bei Nicht-Allergikern Effekte nachweisen lassen.“
In Birkenpollen-Extrakt sind gut 1000 verschiedene niedermolekulare Substanzen enthalten. Einige der Bestandteile, die allergische Reaktionen verstärken, konnten die Forscher bereits in früheren Untersuchungen identifizieren – etwa Adenosin oder verschiedene Fettsäuren. Davon abgesehen, dass noch nicht alle Bestandteile in ihrer Funktion verstanden sind, spielt auch das Zusammenspiel verschiedener Substanzen eine wichtige Rolle für das Entstehen und die Auswirkungen von Allergien. „Der menschliche Organismus ist komplex. Man kann nicht erwarten, dass die Ursache für die Entstehung von Allergien auf eine einzige Substanz herunterbrechen lässt“, erläutert Traidl-Hoffmann.
Die Erkenntnis, dass auch nicht-allergene Substanzen in Pollen großen Einfluss auf die Reaktion des Körpers haben, könnte die Behandlung von Allergien nachhaltig verändern. Bei einer spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) verabreichen Ärzte heute eine Flüssigkeit, die Pollen mit allen Bestandteilen enthält. Dadurch geraten auch Stoffe wie die in der aktuellen Studie untersuchten niedermolekularen Substanzen in den Organismus. „Derzeit schlagen nur 60 bis 70 Prozent der Hyposensibilisierungstherapien an“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. Ein Grund dafür könnten nicht-allergene aber entzündungsfördernde Inhaltsstoffe sein, die sich negativ auf die Behandlung auswirken. Ein Ansatz zur Verbesserung der Therapie könnten Impflösungen mit rekombinanten, also biotechnologisch hergestellten, Proteinen sein. Dadurch könnte man gezielt nur das Allergen verabreichen, damit sich der Körper daran gewöhnt. Eine Therapie mittels rekombinanter Proteine wurde bisher nur für Menschen entwickelt, die allergisch gegen Bienen- und Wespengift sind. (Quelle: Dr. Ulrich Marsch/TU München)


Originalpublikation

Gilles-Stein, S.; Beck, I.; Chaker, A.; Bas, M.; McIntyre, M.; Cifuentes, L.; Petersen, A.; Gutermuth, J.; Schmidt-Weber, C.; Behrendt, H.; Traidl-Hoffmann, C.: Pollen derived low molecular compounds enhance the human allergen specific immune response in vivo. In: Clinical and Experimental Allergy, 2016, Apr 7. doi: 10.1111/cea.12739. [Epub ahead of print]. Internet: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/cea.12739/abstract

Kontakt
Univ.-Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann
Universitäres Zentrum für Gesundheitswissenschaften am Klinikum Augsburg - UNIKA-T
Neusässer Straße 47, D-86156 Augsburg
Tel.: 0821 598 6417, eMail: info@unika-t.de, eMail: claudia.traidl-hoffmann@tum.de Internet: http://www.unika-t.de/lehrstuehle-und-institute/umweltmedizin/willkommen/