Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
19.10.2011
Kategorie: Life Sciences

Lösungsvorschläge für drohendes Hungerproblem vorgestellt

Ausreichende Nahrungsmittelproduktion für wachsende Weltbevölkerung ist möglich

Bonn (13.10.2011). Bis zum Jahr 2050 werden auf der Erde rund neun Milliarden Menschen leben. Wissenschaftler haben jetzt eine Strategie vorgestellt, die helfen soll, die wachsende Weltbevölkerung mit ausreichend Nahrung zu versorgen und zugleich die Umweltbelastungen durch den Agrarsektor zu reduzieren. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit wurden am 12. Oktober 2011 auf der Internetseite der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Bis zum Jahr 2050 rechnen die Vereinten Nationen mit einem Anstieg der Weltbevölkerung von derzeit etwa sieben Milliarden auf 9,1 Milliarden. Gleichzeitig nimmt der Teil der Agrarflächen, auf dem Grundnahrungsmittel angebaut werden stetig ab. Stattdessen werden diese Flächen zur Produktion von Energiepflanzen und Futtermitteln genutzt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern arbeitete mehr als zwei Jahre an einem Konzept, das trotz der gegenwärtigen Entwicklungen, eine weltweite Steigerung der Nahrungsmittelproduktion gewährleisten und gleichzeitig die Umweltauswirkungen der Landwirtschaft verringern soll.
Als Grundlage für ihre Arbeit kombinierten die Forscher Geodaten mit globalen Computermodellen, um sowohl die landwirtschaftliche Produktion als auch ihre Auswirkungen auf die Umgebung zu simulieren. Zusätzlich analysierten sie Probleme, die in der Agrarwirtschaft bestehen. So ist nach Ansicht von Dr. Stefan Siebert, Mitarbeiter am Bonner Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz (INRES) und  Mitautor der Studie, die heutige Landwirtschaft in vielen Bereichen nicht nachhaltig. In vielen Teilen der Welt würden Dünger, Pflanzenschutzmittel und Bewässerungswasser nicht optimal eingesetzt. Ein weiteres Problem sei der global steigende Bedarf an Energie und Fleisch. Dadurch würden Energiepflanzen, aus denen zum Beispiel Biokraftstoffe hergestellt werden, und Futterpflanzen um Anbauflächen für den  direkten Anbau von Grundnahrungsmitteln konkurrieren. Siebert veranschaulicht die Problematik: „Im globalen Durchschnitt stellen tierische Produkte etwa 481 Kilokalorien Energie pro Kopf und Tag zur Verfügung, während in den Futtermitteln 1110 kcal Energie pro Kopf und Tag enthalten ist. Auf dem Weg durch das Tier gehen also rund 57 Prozent der wertvollen, für die menschliche Ernährung auch direkt nutzbaren Energie aus den Futterpflanzen verloren.“  
Hinzu kommen die weitreichenden Auswirkungen, die die Landwirtschaft auf die Umwelt hat. Das Forscherteam fand heraus, dass Acker- und Viehzuchtflächen 40 Prozent der weltweiten Landoberfläche bedecken. Dafür wurden bis heute unter anderem 45 Prozent der Wälder in den gemäßigten Breiten und 27 Prozent der tropischen Regenwälder zerstört. Des weiteren entstehen circa 35 Prozent aller Treibhausgase durch das Agrarwesen.
Als Gegenmaßnahme haben die Wissenschaftler einen Fünf-Punkte-Plan entwickelt, der die Welternährung absichern und zu einem besseren Schutz der Umwelt beitragen soll. Der erste Punkt sieht vor, dass die Ausdehnung von Anbauflächen halbiert wird. Wenn die Gewinnung von Kulturflächen, vor allem im tropischen Regenwald, reduziert wird, hat dies nach Auffassung der Wissenschaftler einen großen Nutzen für die Umwelt. Die weltweite landwirtschaftliche Produktion würde dadurch nicht viel geringer werden.
Der zweite Punkt beinhaltet, dass Ertragslücken geschlossen werden. Der Einsatz von verbessertem Saatgut und eine bessere Verwaltung könnten demnach die derzeitige Nahrungsmittelproduktion um bis zu 60 Prozent steigern.
Als dritten Punkt führen die Autoren an, dass Ressourcen und Hilfsmittel strategisch optimal genutzt werden müssen. Wasser, Nährstoffe und Düngemittel seien ungleich auf die gesamte Erde verteilt. Eine vernünftige Umverteilung würde zu einer größeren Wertschöpfung aus den Ressourcen führen.
Der vierte Punkt beinhaltet Standortänderungen. Die Wissenschaftler kritisieren, dass der Anbau von Futtermitteln und Energiepflanzen auf sehr ertragreichen Böden die direkte Nahrungsmittelproduktion für den Menschen beeinträchtige. Würden diese Böden ausschließlich für das Anpflanzen von Nahrungsmitteln genutzt, könnten 50 Prozent mehr Kalorien pro Kopf hergestellt werden, so die Wissenschaftler.
Als fünfter Punkt werden in dem Maßnahmenpaket Vorschläge zur Abfallvermeidung gemacht.
Ein Drittel der landwirtschaftlich hergestellten Nahrung wird weggeworfen, von Schädlingen gefressen oder verdirbt. Wenn diese Vorgänge vermieden werden, kann nach Auffassung der Wissenschaftler die Menge an verfügbarer Nahrung um weitere 50 Prozent gesteigert werden.

Originalveröffentlichung: Foley, J.A.; Ramankutty, N.; Siebert, S. et al.: Solutions for a cultivated planet, Nature online, 12.10.2011, doi: 10.1038/nature10452
Kontakt: Jonathan Foley, Mail: jfoley@umn.edu, Institute on the Environment, 1954 Buford Avenue, St. Paul, MN 55108 , USA; Internet: http://environment.umn.edu/index.html
Navin Ramankutty, Mail: navin.ramankutty@mcgill.ca , Department of Geography and Global Environmental and Climate Change Centre, McGill University, 805 Sherbrooke Street, West Montreal, Quebec H3A 2K6, Kanada; Internet: http://www.geog.mcgill.ca/welcome.html
Stefan Siebert, Mail: s.siebert@uni-bonn.de, Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz, Universität Bonn, Katzenburgweg 5, 53115 Bonn; Internet: http://www.inres.uni-bonn.de/