Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
19.12.2011
Kategorie: Life Sciences

Immunsystem als starke Waffe gegen Krebs

Neuer Impfstoff reduziert Tumorgröße bei Mäusen um 80 Prozent

Scottsdale, 13.12.2011 Wissenschaftler haben einen neuen Impfstoff entwickelt, der gegen viele Krebsarten, darunter 90 Prozent aller Brust – und Bauchspeicheldrüsenkrebsarten, helfen könnte. Der Impfstoff sensibilisiert das Immunsystem auf ein besonderes Zuckermolekül, das nur auf Tumoren vorkommt. In Versuchen mit Mäusen kam es nach der Gabe des Medikaments zu einer drastischen Verkleinerung der Tumore. Ein Artikel zu der Studie wurde auf der Internetseite des Wissenschaftsmagazins Proceedings of the National Academy of Science veröffentlicht.
Wenn Zellen sich zu bösartigen Tumoren entwickeln, präsentieren ihre Oberflächenproteine veränderte Zuckermoleküle, was sie von gesunden Zellen unterscheidet. Schon seit Jahren versuchen Wissenschaftler, das Immunsystem für diese Art der Veränderung zu sensibilisieren, damit es die Tumorzellen zerstört.
MUC1 ist solch ein Oberflächenprotein mit einem veränderten Zuckermolekül, das auf den Zellen von 70 Prozent aller tödlichen Tumore vorkommt. Bei Brust-, Bauchspeicheldrüsen- und Eierstockkrebs weisen 90 Prozent aller Tumore das Protein auf. Auf diesem Protein basiert das neue Medikament.„ Es ist das erste Mal, dass ein Impfstoff entwickelt wurde, der das Immunsystem darauf trainiert, Krebszellen auf Grund eines spezifischen Zuckermoleküls auf einem Protein zu erkennen und abzutöten.“ sagt Sandra Gendler, Mitautorin der Studie.
Ein Impfstoff gegen das Protein MUC1 hat nach Meinung der Wissenschaftler enormes Potenzial. „Dadurch könnten wir eine Therapiechance für die große Gruppe von Patienten eröffnen, für die es zurzeit nur die normale, nicht immer wirksame Chemotherapie gibt“, erläutert Sandra Gendler. Man könne ihn vorbeugend bei Patienten mit hohem Risiko für bestimmte Krebsarten einsetzen, ihn aber auch verabreichen um zu verhindern, dass ein Tumor wiederkehrt. Bei extrem aggressiven Krebsarten wie dem Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bestimmten Formen des Brustkrebses könnte ein solcher Impfstoff auch begleitend zu einer Chemotherapie eingesetzt werden.
Damit das Immunsystem auf das MUC1 auf den Tumorzellen reagiert, setzt sich der Impfstoff aus drei Komponenten zusammen, die unterschiedliche Aufgaben haben: Im ersten Schritt wird dem Körper die Information vermittelt, dass es sich bei den Zellen, die MUC1 auf ihrer Oberfläche haben um Bakterien handelt, also körperfremde Zellen. Im zweiten Schritt wird die Antikörperbildung stimuliert, wodurch die Krebszellen markiert werden. Im dritten Schritt werden die Lymphozyten angeregt, die wiederum die Fresszellen aktivieren. Diese können dann die markierten Tumorzellen zerstören. Nur das Zusammenwirken aller drei Schritte führt nach Angaben der Forscher zu einem erfolgreichen Ergebnis.
Obwohl bisher nur an Mäusen getestet, zeigen sich die Forscher im Hinblick auf das neue Medikament sehr zuversichtlich:„ Der Impfstoff löst eine sehr starke Immunreaktion aus. Er aktiviert alle Komponenten des Immunsystems, so dass die Tumore im Durchschnitt um 80 Prozent schrumpfen,“ sagt Geert-Jan Boons, Co-Autor der Studie. Ein großer Vorteil des Impfsoffs sei auch, dass er vollständig synthetisch hergestellt wird. Für andere kürzlich getestete Impfstoffe müssten jeweils menschliche Immunzellen im Labor isoliert und manipuliert werden.
Im Moment wird der Impfstoff an menschlichen Zellkulturen getestet und die Wissenschaftler hoffen, Ende des Jahres 2013 mit der ersten Phase der klinischen Studie beginnen zu können.
„Wir beginnen gerade Therapien zu entwickeln, die unser Immunsystem lehren, genau bei den Eigenschaften anzugreifen, die nur bei Krebszellen vorkommen,“ sagt Geert-Jan Boons. „Wird der Krebs zusätzlich früh erkannt, gibt es die Hoffnung, dass die Krankheit irgendwann kontrollierbar wird.“
(mh)

Originalveröffentlichung: Lakshminarayanan, V., Thompson, P., Gendler, S., Boons, G.-J. et al: Immune recognition of tumor-associated mucin MUC1 is achieved by a fully synthetic aberrantly glycosylated MUC1 tripartite vaccine, Proceedings of the National Academy of Science (2011), doi: 101073/pnas. 1115166109
Kontakt: Vani Lakshminarayanan, Mail: lakshminarayanan.Vani@mayo.edu, Biochemestry and Molecular Biology, Mayo Clinic Arizona, Johnson Medical Research 2-262, 13400 East Shea Boulevard, Scottsdale, AZ 85259, USA; Internet: http://mayoresearch.mayo.edu/mayo/research/gendler_lab/index.cfm
Pamela Thompson, Mail: pamelat@uga.edu, Department of Chemistry, University of Georgia, 140 Cedar Street, Athens, GA 30602-2556, USA; Internet: http://www.chem.uga.edu/