Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
03.11.2011
Kategorie: Life Sciences

Höhle an Höhle mit dem Neandertaler

Europa früher von anatomisch modernen Menschen besiedelt als bisher angenommen

Tübingen, 02.11.2011 Der moderne Mensch kam vermutlich etwa 5000 Jahre früher nach Europa als bisher angenommen wurde. Ein internationales Forscherteam hat Zahnfunde aus Italien anatomisch neu zugeordnet. Demnach stammen die circa 45.000 Jahre alten Milchzähne von einem modernen Menschen. Die Forscher leiten daraus ab, dass der Neandertaler und der Homo sapiens mehrere tausend Jahre länger als gedacht parallel in Europa lebten. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden von der Zeitschrift Nature online veröffentlicht.


1960 wurden in der Grotta del Cavallo in Süditalien Überreste der sogenannten Uluzzien-Kultur gefunden, die durch persönliche Schmuckreste, Knochenwerkzeuge sowie Farbenreste gekennzeichnet ist. Derartige Artefakte werden für gewöhnlich mit dem modernen Menschen in Verbindung gebracht. Zwei ebenfalls in der Höhle entdeckte Milchzähne wurden zum damaligen Zeitpunkt jedoch den Neandertalern zugeordnet. Das löste eine jahrzehntelange Debatte um die kognitiven Fähigkeiten der Neandertaler aus.

 

Archäologische Artefakte der Uluzzien Kultur aus der Grotta del Cavallo (Apulien, Süditalien)

Foto: Prof. Annamaria Ronchitelli und Dr. Katerina Douka 

Ein internationales Team von Paläoanthropologen und Archäologen von den Universitäten Tübingen, Wien, Oxford und des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt am Main hat die Zähne nun noch einmal untersucht und zwar mit Hilfe modernster Computertechnik. Prof. Katerina Harvati fasst die Resultate zusammen: „ Unsere Analyse zeigt eindeutig, dass die Zahn-Überreste aus der Grotta del Cavallo von modernen Menschen stammen und dass deshalb die Uluzzien-Kultur dem modernen Menschen zugeordnet werden muss und nicht Neandertalern.“

Die Wissenschaftler analysierten der Studie zufolge dreidimensionale digitale Modelle der Zahn-reste aus der Grotta del Cavallo anhand computertomographischer Daten. Sie verglichen diese mit einer großen Anzahl von Zähnen moderner Menschen und Neandertaler. Zwei unabhängige Vermessungsmethoden dienten den Angaben nach zum Vergleich der internen und externen Merkmale der Zähne, einschließlich der Zahnschmelzdicke sowie der generellen Umrisslinie der Kronen. Aus den Gegenüberstellungen schlußfolgerte das Forscherteam, dass es sich bei den Funden aus der italienischen Höhle um Milchzähne von Kindern handelt, die eindeutig zu den anatomisch modernen Menschen gehörten.

Blick von vorne (mesial) auf Cavallo-B (linker oberer erster Milchmolar), dem bisher ältesten europäischen anatomisch modernen Menschen. Die weiße Linie in der Abbildung entspricht 1 cm.
Foto: Dr. Stefano Benazzi

Zusätzlich zu den anatomischen Untersuchungen wurde das Alter von Muschelschalenresten ermittelt, die laut der Forscher aus derselben archäologischen Schicht wie die Milchzähne stammen. Mit der Radiokohlenstoff-Methode wurde an der Universität Oxford das absolute Alter der Schalenreste bestimmt, das demnach bei 43.000 bis 45.000 Jahren liegt. Damit wären die Funde aus der Grotta del Cavallo die bisher ältesten Nachweise des modernen Menschen in Europa. Dr. Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt folgert daraus: „ Der moderne Homo sapiens ist offensichtlich schon vor dem Beginn des Aurignacien, das heißt vor dem Beginn der jüngeren Altsteinzeit, in das bereits von Neandertalern besiedelte Europa eingewandert.“

Das wäre etwa 5000 Jahre eher als bisherige Funde von Relikten des modernen Menschen  vermuten ließen. Prof. Katerina Harvati ergänzt: „ Es scheint, dass sich der moderne Mensch als erstes entlang der mediterranen Küste ausbreitete. Dies unterstreicht die Wichtigkeit Südeuropas in der Verbreitung der frühen Menschen.“
(mh)


Originalveröffentlichung: Benazzi, S.; Harvati, K.; Kullmer, O. et al.: Early dispersal of modern humans in Europe and implications for Neanderthal behavior. doi:10.1038/nature10617
Kontakt: Stefano Benazzi, Mail: stefano.benazzi@univie.ac.at, Institut für Anthroplogie der Universität Wien, Althanstarsse 14, 1090 Wien, Österreich; Internet: http://www.anthropology.at
Katerina Harvati, Mail: katerina.harvati@ifu.uni-tuebingen.de, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoecology, Paläoanthropologie, Rümelinstrasse 23, 72070 Tübingen; Internet: http://www.urgeschichte.uni-tuebingen.de/index.php?id=4
Ottmar Kullmer, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Abteilung für Paläoanthropologie und Messelforschung, Senckenberganlage 25, 60325 Frankfurt; Internet: http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5243&organisation=true&institutID=1&abteilungID=29&sektionID=62