Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
17.10.2011
Kategorie: Biologie & Chemie

Gewässer stärker durch Pestizide belastet

Die Verschmutzung mit organischen Chemikalien ist ein europaweites Problem

Leipzig, 13.10.2011 Europäische Gewässer sind stärker mit Pestiziden belastet, als bisher angenommen. Bei 38 Prozent von 500 untersuchten organischen Substanzen ist die Konzentration in Gewässern Europas so hoch, dass eine Wirkung auf Organismen nicht auszuschließen ist. Dies sind die Ergebnisse einer Studie, die von Wissenschaftlern aus Deutschland, Frankreich, der Slowakei, Belgien und Spanien durchgeführt wurde. Dazu wurden die Daten zur Chemikalienbelastung in den Einzugsgebieten von vier großen europäischen Flüssen ausgewertet. Eine Zusammenfassung der Studie und ihrer Ergebnisse erschien bereits am 1. Mai 2011 in Science of The Total Environment.
Die Forscher werteten eine Datenbank aus, die im Rahmen des EU-Forschungsprojekts MODELKEY entstanden ist und über fünf Millionen Einträge zu physiko-chemischen Daten enthält. MODELKEY soll helfen, ein Modell zu entwickeln, das zur Bewertung und Vorhersage der Wirkungen von Umweltschlüsselschadstoffen auf Süßwasser- und Meeresökosysteme sowie auf die Artenvielfalt genutzt werden kann.
Die Studie konzentrierte sich vor allem auf organische Schadstoffe – zum Beispiel leicht flüchtige und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und polychlorierte Biphenyle -  für deren Evaluierung Werte von 750.000 Wasseranalysen genutzt wurden. Diese wurden für das MODELKEY-Projekt in den Einzugsgebieten der Flüsse Elbe (Tschechien, Deutschland), Donau (10 europäische Anrainerstaaten), Schelde (Belgien) und Llobregat (Spanien) gewonnen.
Ziel der Wissenschaftler war es, herauszufinden, welche Chemikalien in die europäische Liste prioritärer Stoffe aufgenommen werden oder andere ersetzen sollten. Diese Liste enthält 33 Verbindungen, die im Zuge der EG-Wasserrahmenrichtlinie regelmäßig überwacht werden müssen, um die chemische Belastung der Gewässer in der EU langfristig zu verringern.13 prioritäre Stoffe werden zusätzlich als gefährlich klassifiziert. Darüber, ob ein Stoff als problematisch für die Gewässer eingestuft wird, entscheiden mehrere Kriterien: ihre Risiken für das aquatische Ökosystem und die Gesundheit des Menschen, die biologische Abbaubarkeit des Stoffes und die tatsächliche Verbreitung in der Umwelt.
Insgesamt stuften die Wissenschaftler 73 Verbindungen als potenzielle prioritäre Schadstoffe ein. Eine der am häufigsten registrierten Chemikalien war dabei Diethylhexylphthalat (DEHP), ein Weichmacher aus der Chemieproduktion, der die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen kann und daher ab 2015 in der EU verboten ist. Doch zwei Drittel der als gefährlich bewerteten Stoffe sind Pestizide, also sogenannte Pflanzenschutzmittel, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, um die Kulturen vor vor Krankheiten, Schädlingen oder Unkräutern zu schützen. Am problematischsten erscheinen den Forschern Diazinon, das in Deutschland und Österreich bereits nicht mehr zugelassen ist, und die in Mitteleuropa erlaubten Stoffe Azoxystrobin und Terbuthylazin. „ Beide Pestizide stehen nicht auf der Liste der 33 prioritären Schadstoffe, die die Behörden EU-weit kontrollieren müssen“, erklärt Dr. von der Ohe, Wissenschaftler im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Er ergänzt: „Terbuthylazin ist strukturell sehr ähnlich den beiden prioritären Stoffen Simazin und Atrazin, die längst nicht mehr zugelassen sind. Dies ist ein Beispiel wie kleine Änderungen der chemischen Struktur zu einer scheinbaren Verbesserung des chemischen Zustands führen, ohne dass die Gefährdung für aquatische Ökosysteme tatsächlich abnimmt.“
Basierend auf den Ergebnissen ihrer Studie, schlagen die Wissenschaftler vor, die Liste prioritärer Stoffe regelmäßig zu überarbeiten. Sie verweisen darauf, dass die Mehrzahl der aktuell besorgniserregenden Chemikalien nicht gelistet sei, während viele überwachte Verbindungen längst verboten und nicht mehr in Gebrauch seien. Dr. Brack, ebenfalls vom UFZ, beschreibt ein weitere Problematik: „Überrascht waren wir auch, dass Substanzen, die bisher als harmlos eingestuft wurden, wie HHCB, das als synthetischer Moschus-Duft in Körperpflegemitteln eingesetzt wird, in der Umwelt in bedenklichen Konzentrationen vorkommen.“ und schlägt deshalb vor, dass bei der Weiterentwicklung der Wasserrahmenrichtlinie in Zukunft darauf geachtet wird, nicht nur das Vorkommen von chemischen Stoffen zu beobachten, sondern auch deren Wirkungen.
Trotzdem hat die prioritäre Schadstoffliste der EU, nach Meinung der Forscher aber auch erste Erfolge für die europäische Wasserqualität erzielt. So stellt ein Drittel der vor einigen Jahren von der EU als prioritär eingestuften Schadstoffe inzwischen keine Gefahr mehr für die untersuchten Flüsse dar.

(mh)

Originalveröffentlichung: von der Ohe, P.C.; Dulio, V.; Slobodnik, J. et al.: A new risk assessment approach for the prioritization of 500 classical and emerging organic microcontaminants as potential river basin specific pollutants under the European Water Framework Directive, Science of The Total Environment, Volume 409, Issue 11, pp. 2005-2342 (1. Mai 2011)

Kontakt: Dr. Peter C. Von der Ohe, Mail: peter.vonderohe@ufz.de, UFZ, Fachbereich Wirkungsorientierte Analytik, Permoserstraße 15, 04318 Leipzig, Deutschland; Internet: http://www.ufz.de/index.php?de=6598
Valeria Dulio, Mail: valeria.dulio@ineris.fr, INERIS Nord, Parc Technologique Alata - BP 2, 60550 Verneuil-en-Halatte, Frankreich; Internet: http://www.ineris.fr/
Jaroslav Slobodnik, Mail: slobodnik@ei.sk, Environmental Institute,  Okružná 784/42, Koš 972 41, Slowakische Republik; Internet: http://www.ei.sk/index.php
http://www.bmu.de/binnengewaesser/gewaesserschutzrecht/europa/doc/38010.php