Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
21.10.2015
Kategorie: Life Sciences

Früherer Zahnverlust durch Konsum von Tabak

Wer täglich mehr als 15 Zigaretten raucht, muss schon vor dem 50. Lebensjahr mit dem Verlust seiner Zähne rechnen

Potsdam, 17.10.2015. Raucher haben ein deutlich höheres Risiko als Nichtraucher, ihre Zähne bereits in jungen Jahren zu verlieren. Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, können ihr Risikoniveau nach kurzer Zeit wieder verringern. Es dauert allerdings 10 bis 20 Jahre, bis sie beim Risiko wieder mit einer Person gleichziehen, die niemals geraucht hat. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler um Professor Heiner Boeing und Dr. Kolade Oluwagbemigun vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DifE) und dem Oralchirurgen Thomas Dietrich von der University of Birmingham in einer aktuellen Studie, bei der sie auf die Daten von 23.376 erwachsenen Probanden zurückgreifen konnten. Ihre Untersuchung ist Bestandteil der European Prospective Investigation into Cancer und Nutrition (EPIC-Studie). Die Langzeitstudie ist die größte ihrer Art, die für Deutschland die möglichen Zusammenhänge zwischen Rauchen und Zahnausfall in drei verschiedenen Altersgruppen untersucht hat. Die Forscher veröffentlichten die Ergebnisse im September in der Fachzeitschrift Journal of Dental Research.

In Deutschland sind über 20 Prozent der Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren von der Zahnlosigkeit betroffen. Diese zählt damit zu einem der großen Gesundheitsprobleme, die es zu lösen gilt. Untersuchungen der vergangenen Jahre weisen darauf hin, dass auch Rauchen das Risiko für einen frühzeitigen Zahnausfall erhöht.
Die neuen Ergebnisse der Potsdamer EPIC-Studie, die auf Daten von 23.376 männlichen und weiblichen Studienteilnehmern basieren, untermauern nun diese Befunde. Die Studie ist die erste große deutsche, prospektive Langzeitbeobachtungsstudie, die den Zusammenhang zwischen Rauchen, Raucherentwöhnung und Zahnausfall in drei verschiedenen Altersgruppen untersucht hat. (Die Studienteilnehmer waren in drei Altersgruppen eingeteilt: Gruppe 1: Personen unter 50 Jahren; Gruppe 2: Personen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren; Gruppe 3: Personen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren.)

Gesunde Zähne und gesundes Zahnfleisch
Fotoquelle: DIfE

Im Vergleich zu Studienteilnehmern, die nie geraucht haben, hatten weibliche beziehungsweise männliche Raucher ein bis zu 2,5- beziehungsweise 3,6-fach erhöhtes Risiko, ihre Zähne vorzeitig zu verlieren und dies unabhängig von anderen Risikofaktoren wie zum Beispiel Diabetes. Der Zusammenhang war bei jüngeren Personen stärker ausgeprägt als bei älteren. Zudem beobachteten die Wissenschaftler, dass die ermittelten Risikobeziehungen dosisabhängig waren. Starke Raucher, die mehr als 15 Zigaretten pro Tag konsumierten, hatten ein höheres Risiko, ihre Zähne schon vor dem 50. Lebensjahr zu verlieren, als diejenigen, die weniger rauchten.

„Man verliert seine Zähne hauptsächlich als Folge von Karies oder Parodontitis. Wir wissen zudem, dass Rauchen einer der Hauptrisikofaktoren für Parodontitis ist. Daher ist der beobachtete Zusammenhang zwischen Rauchen und Zahnverlust sicherlich primär durch ein erhöhtes Auftreten der Parodontitis bei Rauchern zu erklären“, sagt Co-Autor Kolade Oluwagbemigun. „Zahnfleischentzündungen bei Rauchern lassen sich somit auch als erstes greifbares Warnsignal sehen, das darauf hinweist, dass die Gesundheit durch den Tabakkonsum bereits stark geschädigt ist. Unglücklicherweise maskiert Rauchen Zahnfleischbluten – eines der wenigen Symptome einer Parodontitis. Hierdurch kann das Zahnfleisch bei Rauchern gesünder erscheinen, als es tatsächlich ist. Dies sollten Raucher aber auch Zahnärzte berücksichtigen“, ergänzt Erstautor Thomas Dietrich. „Inwieweit Rauchen auch mit einem erhöhten Kariesrisiko assoziiert ist, ist noch nicht endgültig geklärt“, so Dietrich weiter.

„Auch wenn die genauen Ursachen für den von uns beobachteten Zusammenhang noch nicht geklärt sind, erscheint es aber bereits schon heute mehr als sinnvoll, Menschen davon zu überzeugen, Nichtraucher zu bleiben oder es jetzt zu werden. Rauchen verkürzt die Lebenszeit. Nicht zu rauchen ist gut für Lunge und Gefäße und führt nach unseren Erkenntnissen auch zu einer guten Zahngesundheit bis ins hohe Alter“, betont Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung.                               (Gisela Olias, idw, rhv)

 

Hintergrundinformationen:

EPIC-Studie

EPIC steht für European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition. Sie ist eine der größten prospektiven („vorausschauenden“) Studien, welche die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Krebs und anderen chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes untersucht, wobei sie auch den Lebensstil berücksichtigt. An der EPIC-Studie sind zehn europäische Länder mit insgesamt 519.000 weiblichen und männlichen Studienteilnehmern im Erwachsenenalter beteiligt. In Deutschland gehören das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg sowie das DIfE zu den EPIC-Studienzentren. Die Potsdamer EPIC-Teilstudie schließt mehr als 27.500 erwachsene Studienteilnehmer/innen ein und wird von Professor Heiner Boeing geleitet. Bei der Auswertung einer prospektiven Studie ist es wichtig, dass die Teilnehmer zu Beginn der Studie noch nicht an der zu untersuchenden Krankheit leiden. Die Risikofaktoren für eine bestimmte Erkrankung lassen sich so vor ihrem Entstehen erfassen, wodurch eine Verfälschung der Daten durch die Erkrankung weitestgehend verhindert werden kann - ein entscheidender Vorteil gegenüber retrospektiven Studien.


DIfE
Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Es erforscht die Ursachen ernährungsassoziierter Erkrankungen, um neue Strategien für Prävention, Therapie und Ernährungsempfehlungen zu entwickeln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Ursachen und Folgen des metabolischen Syndroms, einer Kombination aus Adipositas (Fettsucht), Hypertonie (Bluthochdruck), Insulinresistenz und Fettstoffwechselstörung, die Rolle der Ernährung für ein gesundes Altern sowie die biologischen Grundlagen von Nahrungsauswahl und Ernährungsverhalten. Das DIfE ist zudem ein Partner des 2009 vom BMBF geförderten Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD). Mehr unter http://www.dzd-ev.de.

Die Leibniz-Gemeinschaft vereint 89 Einrichtungen, die anwendungsbezogene Grundlagenforschung betreiben und wissenschaftliche Infrastruktur bereitstellen. Insgesamt beschäftigen die Leibniz-Einrichtungen rund 18.100 Menschen – darunter 9.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – bei einem Jahresetat von insgesamt knapp 1,64 Milliarden Euro. Die Leibniz-Gemeinschaft zeichnet sich durch die Vielfalt der in den Einrichtungen bearbeiteten Themen und Disziplinen aus. Die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft bewahren und erforschen das natürliche und kulturelle Erbe. Darüber hinaus sind sie Schaufenster der Forschung, Orte des Lernens und der Faszination für die Wissenschaft. Mehr unter http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

Kontakt:
Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Dietrich
MPH, FDSRCS (Engl.)
The School of Dentistry, College of Medical and Dental Sciences
University of Birmingham, St Chad's Queensway, Birmingham, B4 6NN, United Kingdom
eMail: t.dietrich@bham.ac.uk, Internet: http://www.birmingham.ac.uk/staff/profiles/clinical-sciences/dietrich-thomas.aspx
Tel. +44 (0) 121 466 5494 (Secretary)
Fax: +44 (0) 121-2372825

apl. Prof. Dr. Heiner Boeing
Leiter der Abteilung Epidemiologie, Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE), Arthur-Scheunert-Allee 114-116, D-14558 Nuthetal
Tel.: +49-33200 88-2711, eMail: boeing@dife.de,
Internet: http://www.dife.de/forschung/abteilungen/mitarbeiter.php?abt=EPI

Dr. Kolade Oluwagbemigun
Abteilung Epidemiologie, Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE), Arthur-Scheunert-Allee 114-116, D-14558 Nuthetal
Tel.: +49-33200 88-2720

eMail: kolade.oluwagbemigun@dife.de, Internet: http://www.dife.de/forschung/abteilungen/mitarbeiter.php?abt=EPI

 

Literatur

Dietrich, T.; Walter, C.; Oluwagbemigun, K.; Bergmann, M.; Pischon, T.; Pischon, N.; Boeing, H.: Smoking, Smoking Cessation, and Risk of Tooth Loss: The EPIC-Potsdam Study. In: J DENT RES, October 2015, 94: 1369-1375, first published on August 4, 2015Im Internet: http://jdr.sagepub.com/content/94/10/1369; DOI: 10.1177/0022034515598961