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28.09.2015
Kategorie: Life Sciences

Forscher entdecken ein neues Rindervirus

Die offensichtlich weit verbreiteten Erreger zählen zur Gattung Hepacivirus und sind mit dem Hepatitis-C-Virus verwandt

Bonn, 28.09.2015. Ein neues Rindervirus, das mit dem Hepatitis-C-Virus verwandt ist, haben Forscher in mehreren Viehbeständen in Nord- und Süddeutschland sowie in ähnlicher Form in Rindern aus Ghana entdeckt. Derzeit wird untersucht, ob die gefundenen Erreger den Menschen infizieren können und welche Auswirkungen das Virus auf die Rinder hat. Die Forscher aus Bonn, Hamburg, Hannover, Moskau und Ghana kooperieren seit 2012 in drei Arbeitsgruppen, die unter dem Dach des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) angesiedelt sind. Die Ergebnisse der Wissenschaftler wurden zuletzt im Juli in der Fachzeitschrift Journal of Virology veröffentlicht.

Die neu beschriebenen Erreger aus der Familie der Flaviviren zählen zur Gattung Hepaciviren, die in den vergangenen Jahren auch bei Fledermäusen, wildlebenden Nagetieren und Pferden entdeckt wurden. Sie vermehren sich vermutlich in der Leber von Rindern. Die Infektion scheint sehr häufig zu sein. „Wir haben 106 Rinder von verschiedenen zufällig ausgesuchten Farmen in Ghana untersucht“, erklärt Jan Felix Drexler, seit kurzem Professor für Virologie an der Universität Bonn und Mitglied im DZIF. „In neun Tieren konnten wir die Viren nachweisen.“

 

Rinderhaltung in Ghana: Neun von 106 untersuchten Tieren waren mit den neu entdeckten Viren infiziert. Auch in deutschen Rindern fanden die Forscher die Erreger.
(Foto: Robert Wollny/Uni Bonn)


Für Deutschland ergab das Virus-RNA-Screening demnach, dass 1,6 Prozent (n=5) von 320 überprüften einzelnen Tieren und 3,2 Prozent (n=5) von 158 untersuchten Rinderherden in Deutschland positiv auf den Rindervirus aus der Gruppe der Hepaciviren getestet wurden.
Den Forschern gelang es, das Virus mit Hilfe der sogenannten „Hochdurchsatz-Sequenzierung“ zu identifizieren, eine neuartige Technik, mit der bislang unbekannte Infektionserreger anhand ihres genetischen Fingerabdruckes aufgespürt werden können. Eine entsprechende Plattform wurde vor zwei Jahren am des Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg (HPI) etabliert. Wissenschaftler des HPI optimieren das Verfahren derzeit mit Kollegen am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) für den Einsatz im Klinikbetrieb.

Beim Menschen kann das artverwandte Hepatitis C-Virus eine gefährliche Leberentzündung und in der Folge Krebserkrankungen auslösen. Ob die neu entdeckten Rinderviren auch Menschen anstecken können, lässt sich noch nicht sagen. „Das ist ein wichtiger Punkt, den wir nun untersuchen wollen“, sagt Drexler. „Schließlich zählen Rinder zu den häufigsten Nutztieren weltweit.“ Zudem sei bei der Schlachtung und der Zubereitung des Fleisches ein Kontakt mit Rinderblut möglich. Das Rindervirus sei aber auf keinen Fall der direkte Vorläufer des menschlichen Virus, präzisiert Drexler. „Kein Patient mit einer Hepatitis C-Infektion kann sich bei einem Rind angesteckt haben.“ Auch Professor Dr. Paul Becher vom Institut für Virologie an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) sieht bislang noch keine Hinweise auf eine Ansteckungsgefahr für den Menschen.

Unklar ist bislang, welche Symptome die Rinderviren in den Tieren verursachen. Es gibt aber Hinweise darauf, dass sie sich dort ebenfalls in der Leber vermehren. Inwieweit die Tiere dadurch gesundheitlich beeinträchtigt werden, soll in Zusammenarbeit mit den beteiligten Gruppen untersucht werden.

Die Entwicklungsgeschichte der Rinderviren ermöglicht neue Einblicke in die Evolution der Hepaciviren. „Wir wissen inzwischen, dass die ghanaischen Viren zwei verschiedenen Subtypen angehören“, erläutert Jan Felix Drexler. „Diese haben sich vermutlich bereits vor hunderten von Jahren entwickelt.“ Für detailliertere Analysen wollen die Forscher nun Rinder aus anderen Teilen Afrikas und der Welt untersuchen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese ebenfalls mit Hepaciviren infiziert sind.
(Quellen: Johannes Seiler, Dez. 8, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, IDW, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover)

Publikationen:

Corman, Victor Max; Grundhoff, Adam; Baechlein, Christine; Fischer, Nicole; Gmyl, Anatoly; Wollny, Robert; Dei, Dickson; Ritz, Daniel; Binger, Tabea; Adankwah, Ernest; Sarfo Marfo, Kwadwo; Annison, Lawrence; Annan, Augustina; Adu-Sarkodie, Yaw; Oppong, Samuel; Becher, Paul; Drosten, Christian; Drexler, Jan Felix: Highly divergent hepaciviruses from African cattle. In: Journal of Virology, June 2015 vol. 89 no. 11 5876-5882 (DOI: 10.1128/JVI.00393-15), http://jvi.asm.org/content/89/11/5876
(Accepted manuscript posted online 18 March 2015, doi: 10.1128/JVI.00393-15)

Baechlein, C.; Fischer, N.; Grundhoff, A.; Alawi, M.; Indenbirken, D.; Postel, A.; Baron, A. L.; Offinger, J.; Becker, K.; Beineke, A.; Rehage, J.; Becher, P.: Identification of a Novel Hepacivirus in Domestic Cattle from Germany. In: Journal of Virology, 2015 Jul;89(14):7007-15. DOI: 10.1128/JVI.00534-15
http://jvi.asm.org/content/early/2015/04/24/JVI.00534-15
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25926652
(Accepted manuscript posted online 29 April 2015, doi: 10.1128/JVI.00534-15 JVI.00534-15, Epub 2015 Apr 29)


Kontakte:

Prof. Dr. Jan Felix Drexler (Foto: Universität Bonn)
Institut für Virologie, Universität Bonn
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF)
Sigmund-Freud-Str. 25
53105 Bonn
Tel. 0228/287-11697
eMail: drexler@virology-bonn.de
http://www.virology-bonn.de

Prof. Dr. Christian Drosten (Direktor
(Foto: Robert Wollny/Uni Bonn)
Institut für Virologie der Universität Bonn
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF)
Sigmund-Freud-Str. 25
53105 Bonn
Tel.: +49-228-287-15522
Fax: +49-228-287-19144
drosten@virology-bonn.de
Internet: http://www.virology-bonn.de

Univ. Prof. Dr. med. vet. Paul Becher
(Foto: Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover)
Institut für Virologie
Zentrum für Infektionsmedizin
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Bünteweg 17
D-30559 Hannover
Tel.: +49 511 953-8840
paul.becher@tiho-hannover.de
Internet: http://www.tiho-hannover.de/kliniken-institute/institute/institut-fuer-virologie-zentrum-fuer-infektionsmedizin/personal/wissenschaftliches-personal/pbecher/


Verwandtschaft zum humanen Hepatitis-C-Virus
Das Hepatitis-C-Virus (HCV)

Die Gattung der Hepaciviren, die als Typusart den Hepatitis-C-Virus und mit ihm verwandte Viren beinhaltet, zählt zur Familie der Flaviviren. Der Mensch ist einziger natürlicher Wirt des Hepatitis-C-Virus. Das HCV wird parenteral übertragen, das heißt vorwiegend durch Blut und Blutprodukte. Bei etwa 30 Prozent der Patienten, die an Hepatits C erkranken, ist der Übertragungsweg unbekannt. Das HCV ist äußerst schwierig im Elektronenmikroskop darzustellen, bisher hat keine Publikation ein endgültig bewiesenes Bild zeigen können. [vgl. wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Hepatitis-C-Virus]
Weltweit sind mehr als 180 Millionen Menschen an Hepatitis C erkrankt. Zu einer Ansteckung mit Hepatitis C kommt es hauptsächlich durch Blutkontakt mit infizierten Personen. Die Infektion kann eine chronische Leberentzündung verursachen. Mögliche Folgen sind Leberversagen oder Leberkrebs.
Das Hepatitis-C-Virus (HCV) gehört zusammen mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV), dem Epstein-Barr-Virus (EBV), dem humanen Papillomvirus (HPV), Humanen T-lymphotropen Virus 1 (HTLV-1) und dem Humanen Herpesvirus 8 (HHV-8, auch Kaposi-Sarkom-Herpesvirus, KSHV) zu einer Gruppe von humanen Viren, die weltweit für 10 bis 15 Prozent aller Krebserkrankungen verantwortlich sind.

Vgl. Martin, D. and Gutkind J. S.: Human tumor-associated viruses and new insights into the molecular mechanisms of cancer. In: Oncogene. 27, Nr. 2, 2008, S. 31-42. PMID 19956178. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19956178?dopt=Abstract