Rhombos-Online-Nachrichten (RON)
21.10.2011
Kategorie: Biologie & Chemie

Anthropologen stellen neue Erkenntnisse über Menschenaffen vor

Orang-Utans zeigen kulturell bedingte Verhaltensmuster

Zürich, 20.10.2011 Menschenaffen besitzen die Fähigkeit, Dinge sozial zu erlernen und über viele Generationen weiterzugeben. Forscher der Universität Zürich haben herausgefunden, dass Kultur keine Eigenschaft ist, die nur beim Menschen auftritt. Sie wollen damit belegen, dass unterschiedliche Verhaltensmuster innerhalb einer Art kulturell bedingt sein können und nicht nur durch genetische Faktoren oder die Umwelt beeinflusst werden. Die Ergebnisse der Studie von Dr. Michael Krützen und seinem Team zum Verhalten von Orang-Utans wurden am 20.10.2011 im Fachblatt Current Biology veröffentlicht.
Vor etwa zehn Jahren beobachteten Wissenschaftler bei freilebenden Menschenaffen eine geographische Verteilung von Verhaltensmustern. Solche Variationen können eigentlich nur durch die kulturelle Weitergabe von neuen Handlungsweisen zustande kommen. Dieser Prozess galt bis dahin als einzigartig für die menschliche Entwicklung. Die Entdeckung führte zu einer andauernden Debatte darüber, ob geographische Abweichungen im Verhalten kulturell bedingt sind oder das Resultat genetischer Faktoren und Umwelteinflüsse.
Forscher der Universität Zürich legen nun in einer Studie über Orang-Utans dar, dass genetische Faktoren und Umwelteinflüsse allein die verschiedenen Verhaltensmuster nicht erklären können. Vielmehr wäre die Fähigkeit, Dinge sozial zu erlernen und weiterzugeben, über sehr viele Generationen durch die Evolution selektiert und zwar nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Menschenaffen.

Orang-Utans

Orang-Utans (Bild: Mure Wipfli, Anthropologisches Institut und Museum, Universität Zürich)


Die Wissenschaftler untersuchten die Gründe für die geographische Verteilung der Verhaltensmuster von neun Orang-Utan-Gruppen auf Borneo und Sumatra. Dafür verwendeten sie nach eigenen Angaben den bis jetzt größten Datensatz, der je für eine einzelne Menschenaffenart zusammengestellt wurde. Er umfasst den Forschern zufolge mehr als 100.000 Stunden Bildmaterial, über 150 genetische Profile von wilden Orang-Utans und Satellitenbilddaten, die ökologische Unterschiede zwischen den Lebensräumen der Orang-Utan-Familien dokumentieren. Mit Hilfe dieser Informationen bewertete das Team die Parameter, die Einfluß auf die Sozialstruktur und Verhaltensökologie der Affen haben. Dr. Krützen, Erstautor der Studie, und seine Kollegen folgerten aus ihren Beobachtungen, dass genetische Faktoren und Umwelteinflüsse nur eine sehr geringe Rolle spielen. Vielmehr gelte, so wie bei den Menschen, auch für Orang-Utans die kulturelle Interpretation der Verhaltensvielfalt. Dies erklärt sich das Wissenschaftlerteam durch die lange Lebenserwartung der Menschenaffen. Daraus entstehe die Notwendigkeit, sich auf ändernde Umweltfaktoren einstellen zu können.
Dr. Krützen leitet aus den Ergebnissen der Studie auch eine entscheidende Erkenntnis für die Entwicklung des Menschen ab: „ Die Wurzeln unserer menschlichen Kultur gehen viel tiefer, als wir zu wissen glaubten. Sie basieren auf einem starken Fundament, das viele Millionen Jahre alt ist, und das wir mit unseren nächsten Verwandten teilen – den Menschenaffen.“
(mh)

Originalveröffentlichung: Krützen, M.; Willems, E.P.; van Schaik, C.P.: Culture and Geographic Variation in Orangutan Behaviour, Current Biology, Volume 21, Issue 21, first published online: October 20, 2011, doi:10.1016/j.cub.2011.09.017
Kontakt: Dr. Michael Krützen, Mail: michael.kruetzen@aim.uzh.ch, Universität Zürich, Anthropologisches Institut und Museum, Winterthurerstrasse 190, 8057 Zürich, Schweiz
Dr. Erik Willems, Mail: e.willems@aim.uzh.ch,  Universität Zürich, Anthropologisches Institut und Museum, Winterthurerstrasse 190, 8057 Zürich, Schweiz
Prof. Dr. Carl van Schaik, Mail: vschaik@aim.uzh.ch,  Universität Zürich, Anthropologisches Institut und Museum, Winterthurerstrasse 190, 8057 Zürich, Schweiz
Internet: http://www.aim.uzh.ch/index.html